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Wer kämpft für Russland?

Ukraine Newsletter 25

Die Moral unter Russlands Soldaten ist nicht besonders hoch: Diese ergeben sich kampflos oder lassen ihre Panzer mitten auf der Strasse stehen. Ein Grund dafür kann sein, dass viele durch direkten oder indirekt ökonomischen Zwang zum Kämpfen gezwungen wurden. Das Botschaftsasyl für russische Deserteure und Dienstverweigerer kann diesen jungen Männern einen Weg aus ihrer Lage bieten. Jonas Kampus

Während jedes Augenzucken Putins detailliert analysiert wird, ist wenig bekannt, welche Personen auf der russischen Seite in der Ukraine kämpfen. Bereits in den ersten Tagen gab es zahlreiche Anzeichen von tiefer Moral in den russischen Reihen. Gemäss verschiedenen Medienberichten ergaben sich teilweise ganze russische Einheiten. Videoaufnahmen auf TikTok dokumentieren verlassene Konvois mit modernsten Panzern. Die Moral unter den russischen Soldaten scheint nicht besonders hoch zu sein.

Russlands Militär besteht einerseits aus einem Teil, der sich vertraglich zu mehreren Jahren Militärdienst verpflichtet, andererseits aus Wehrpflichtigen, die “nur” für zwei Jahre in der Armee dienen. Auch wenn man aufgrund der russischen Propaganda der letzten Monate einen anderen Eindruck gewinnen konnte, geniesst die Armee in Russland kein grosses Ansehen. Wehrpflichtige werden von Vorgesetzten schikaniert und manchmal sogar in die Prostitution gezwungen.

Zwang durch fehlende Perspektive oder Gewalt

In Russland sind alle Männer stellungspflichtig. Für Personen aus der urbanen Mittel- und Oberschicht ist es aber einfach, sich vom Dienst zu befreien. Gleichzeitig ist für viele junge Männer ohne Perspektive, das Militär eine der wenigen Orte, um einen minimalen materiellen Wohlstand zu erlangen.

Bereits im letzten Jahr wurden viele Wehrpflichtige gezwungen, einen Zwei-Jahres-Vertrag abzuschliessen, da Wehrdienst leistende Personen nach russischem Recht nicht ausserhalb der Landesgrenzen eingesetzt werden können. Ein substantieller Teil jener Zwangsverpflichteten sind de facto noch Jugendliche mit Jahrgang 2002 oder 2003. Diese haben erst letzten Sommer die obligatorische Schule abgeschlossen.

Viele Soldaten wussten denn auch nicht, dass ihnen ein Kriegseinsatz in der Ukraine bevorsteht. Einige Truppen wägten sich sogar während dem Beginn der Invasion noch mitten in den grossen Übungen, welche in den Wochen vor der Invasion entlang der Grenze zur Ukraine in Russland und Belarus abgehalten wurden. Bereits da war ersichtlich, wie prekär die Lage der Soldaten zu sein scheint. Berichte über einen aufflammenden Schwarzmarkt in Belaurs mit Benzin aus Beständen der russischen Armee und Bilder von völlig überfüllt Zimmern mit erschöpften Männern tauchten auf.

Aus den besetzten Gebieten aus den Donbassregionen Luhansk und Donezk, neuerdings auch aus den neu eingenommenen Gebieten im Süden der Ukraine, ist zu hören, dass Männer zum Zwangsdienst eingezogen werden. Ein Antrag von Parlamentariern der Duma verlangt nun, dass Kriegsgegner in Russland ebenfalls zwangsrekrutiert und direkt an die Front geschickt werden. Eine äusserst perfide, brutale und menschenfeindliche Form der Kriegsführung.

Nicht alle Soldaten sind schlecht ausgebildet und nur widerwillig in der Ukraine. Ein Teil der Bevölkerung steht hinter Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine. Diese Zustimmung trifft wohl ebenfalls auf die russischen Soldaten zu, insbesondere auf Angehörige der Luftwaffe:. Bereits früh im Krieg wurde ein russischer Kampfjetpilot gefangen genommen, der auch im Syrienkrieg Einsätze flog und auf Bildern mit Assad auftauchte. Zahlreiche Piloten, die Aleppo zerbombten sind nun auch an der Zerstörung ukrainischer Städte beteiligt.

Russland rekrutierte auch zahlreiche Söldner aus Syrien und Tschetschenien. Im Falle der syrischen Kämpfer scheint die miserable wirtschaftliche Lage im Land ein entscheidender Faktor zu sein, da der Militärdienst die einzige Möglichkeit zur Ernährung der Familie darstellt.

Minderheiten kämpfen in der Ukraine

Nach dem Massaker an der Zivilbevölkerung in Butscha wurden Bilder und Dokumente über die potenziellen Täter veröffentlicht. Aus diesen liess sich schliessen, dass die Soldaten zu einem grossen Teil einer Minderheit angehören und aus armen, ländlichen Regionen Russlands stammen. Einige Zivilist*innen berichteten aber auch, dass die Gräueltaten nicht von regulären Soldaten verübt wurden, sondern von Eliteeinheiten und der Wagner-Gruppe, eine rechtsextreme Söldnertruppe. Viele von ihnen haben bereits in Syrien gekämpft oder waren in Afrika auf Einsätzen. Ihre Motivation divergiert wohl stark von dem Rest der russischen Truppen.

Trotzdem sollte man sich davor hüten, die russischen Soldaten in einen “unschuldigen” Teil bestehend aus einfachen Wehrpflichtigen und eine blutrünstige, mordende Gruppe einzuteilen. Solche Narrative erinnern stark an jene Erzählungen einer “unschuldigen” Wehrmacht und einer “bösen” SS. Ein Krieg offenbart eben auch, dass ordinäre Menschen zu menschenverachtenden Gewalttaten schreiten können, auch wenn deren Beweggründe widersprüchlich und diffus sein können.

Aus diesem Grund ist die Forderung der GSoA nach einem Botschaftsasyl für Deserteure und Kriegsverweigerern wichtiger denn je. Diese Massnahme könnte erheblich dazu beitragen, den Kampfeswillen der russischen Truppen zu brechen, und sie verhindert, dass eine ganze Generation von Jugendlichen und jungen Männern zu von der ganzen Welt geächteten Mördern wird.