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Newsletter Ukraine 20

Liebe Leser*innen

Vor mehr als einer Woche veröffentlichte das Stockholm International Peace Research Institute (SIPRI) die neuen Zahlen zu den globalen Militärausgaben im Jahr 2021. Diese waren zum ersten Mal höher als zwei Billionen US-Dollar. Welch eine exorbitante Zahl. Ein Bruchteil davon würde reichen, den Hunger auf der Welt zu beenden. Doch eine andere Meldung liess mich ebenfalls aufhorchen: Lucie Béraud-Sudreau von SIPRI meinte, dass die hohen Erträge aus dem Öl- und Gasgeschäft die Militärausgaben Russlands im letzten Jahr in die Höhe schiessen liessen. Die russischen Kriegsvorbereitungen, die bereits seit dem Frühjahr 2021 im Gange waren, wurden also durch den Verkauf von russischen Rohstoffen an China und europäische Staaten mitfinanziert.

In seiner neusten Recherche zur Ukraine geht Public Eye davon aus, dass 50 – 60 Prozent des russischen Exportgeschäfts mit Erdöl und -gas über die Schweiz läuft. Die Handelsunternehmen Trafigura, Glencore, Gunvor, Paramount und Litasco spielten und spielen immer noch eine entscheidende Rolle in der russischen Kriegsmaschinerie. Spätestens seit dem Frühjahr 2021 waren die Absichten Wladimir Putins in der Ukraine offensichtlich oder zumindest absehbar, wobei der Krieg im Donbass und die Besetzung der Krim bereits sieben Jahre andauerten. Die Rohstoffhändler, deren Geschäfte auf der Auswertung möglichst vieler Informationen beruht, machten also im Wissen um die militärische Aufrüstung entlang der ukrainischen Grenze mit Putin Geschäfte. Ohne die Einnahmen aus dem Rohstoffgeschäft, welche 39% der russischen Staatseinnahmen ausmachen, hätte Russland niemals diese militärische Zerstörungskraft erreicht und wohl auch nie die Ukraine angegriffen.

Nun könnte man behaupten, eine Invasion der Ukraine hat vor dem 24. Februar im Rohstoffgeschäft niemand für möglich gehalten, obwohl US-Geheimdienste seit Monaten die Ereignisse in einer erschreckend detaillierten Weise vorausgesagt haben. Ab den frühen Morgenstunden in dieser letzten Februarwoche bestand dann für die ganze Welt keinen Zweifel mehr an Putins Plänen. Gemäss Public Eye stiegen seitdem aber sogar die Handelsvolumen von Paramount, Trafigura und Litasco mit russischem Öl und Gas. Russland konnte so in den ersten zwei Monaten seit Kriegsausbruch seine Einnahmen aus Öl- und Gasexporten auf 62 Milliarden Euro verdoppeln, da die Energiepreise aufgrund des Krieges massiv angestiegen sind. Eine perverse Situation. Der russische Energiesektor profitiert massiv von der Zerstörung und dem Elend in der Ukraine. 

Der Rohstoffhandelsplatz Schweiz, dem im Gegensatz zum Finanzplatz oft nicht viel Aufmerksamkeit zuteil wird, spielt eine zentrale Rolle in Russlands Kriegsarchitektur und dies wird sich auch nicht ändern, solange der Schweizer Staat den Handel mit russischen Rohstoffen nicht verbietet. Während andere Länder schon länger über einen Importstopp von russischem Öl und Gas diskutieren, hat die Schweizer Regierung den Rohstoffhandel bislang unangetastet gelassen. Dies muss sich umgehend ändern: Wir fordern einen sofortigen Handels- und Importstopp von russischem Erdöl und -gas. 

 

PS: Das Verhalten der Trader in Bezug auf den Ukrainekrieg ist dabei keine Anomalie, sondern eher die Norm, wenn es um die Profitsteigerung aus Kriegen geht. Javier Blas und Jack Farchy zeichnen dies in ihrem Buch “The World for Sale: Money, Power and the Traders Who Barter the Earth’s Resources” detailliert nach.